Sonja Tajsich

3x Ironman Champion

Monday

7

July 2014

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Ein Sieg der anderen Art

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unbenannt-28-2Wie vom Pech verfolgt – ja, genau so fühle ich mich im Moment und es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Doch bevor ich meinen gestrigen Tag schildere möchte ich etwas loswerden:

DANKE! Danke an alle die an der Strecke standen und mir zugerufen, mich motiviert und aufgefordert haben, weiter zu machen, das Rennen ins Ziel zu bringen. Ja sogar angefleht und angeschrien, ich bin heute noch von den Socken. So hart solche Momente sind, so wunderbare Augenblicke gibt es auch hier. Und ohne Euch wäre ich heute noch viel frustrierter. Durch das Finish kann ich abhaken und nach vorne schauen. Das ist viel wert.

Begonnen hat der Tag perfekt: Sonja-Wetter, die Vorbereitungen nach Plan, Startschuss. Mein Schwimmrückstand in Grenzen, die Zeit für mich hervorragend. Ich war sehr zufrieden. Und noch zufriedener als ich die ersten Radkilometer hinter mich gebracht hatte – denn: Es lief. Und zwar richtig gut. Das erste Mal seit längerem, dass ich bombastischen Druck hatte. Ich war so euphorisch! Klar gibt es so richtig harte Momente (besonders das zweite Mal den Berg Bergen-Enkheim) und Schreckmomente (der Nahkontakt einer Radfahrers vor mit dem Strohballen – ist aber nichts passiert), aber alles in allem kein nennenswerter Einbruch und wieder so richtig Freude in der zweiten Disziplin. Und als mir dann Tom, mein Mann, total überwältigt zurief, dass mein 9-minütiger Rückstand auf nur noch 3 Minuten geschrumpft ist, war ich fast überzeugt davon, dass heute MEIN Tag ist. Weil das Laufen ist meine Bank. Das klappt immer. Egal wie kaputt ich vom Rad steige. Zumindest war das bis gestern so, ausnahmslos. Also kam ich überhaupt nicht auf die Idee, dass es mal anders ist.

unbenannt-183Schon gleich zu Beginn war das Gefühl sonderbar. Unrund, eingesunken. Nicht wie sonst. Ich glaubte noch fest daran, dass sich das ändert, wie sonst auch. Nach 3 Kilometern würde ich meinen Rhythmus finden. Normalerweise. Nicht aber gestern. Der Sieg und Titel gefühlt zum Greifen nah schwand und schwand in weite Ferne.  Selbst die aufmunternden Worte von Tom „versuch rund zu laufen, mach dich groß“ halfen nichts. Meine Laufgeschwindigkeit von 4:18 Min pro Kilometer sank auf 4:50 Minuten pro Kilometer und nach Halbmarathonmarke wurden die Magenkrämpfe dann so schlimm, dass ich keinen Schritt mehr vor den anderen setzen konnte. Ich sagte zu Tom, dass ich gerne finishen möchte, also ging ich weiter.

Ein langer Tag. Wandertag. Ich versuche es kurz zu machen: Marschieren, Stoppen, Krampf abwarten. Ich treff Wenke, unsere sportliche Leiterin meines Teams ERDINGER Alkoholfrei. Ich falle ihr um den Hals und klage mein Leid. Und frage ob es ok ist, wenn ich weiter mache, Hauptsache ins Ziel. “Klar, bringe es zu Ende!” Marschieren. Telefon von Passanten ausgeliehen, meine Eltern angerufen und gebeten Tom Bescheid zu sagen (ich wusste seine Nummer nicht mehr auswendig…), dass er und meine treuen Freunde am Straßenrand doch in ein Cafe gehen sollen, ich brauche wohl noch etwas länger. Ich wusste er macht sich bestimmt Sorgen.

Parkbank. Welche Erlösung. Ich weiß nicht wie lange ich da gekrümmt saß. Ich hab zugeschaut wie die erste, zweite und dritte Läuferin vorbei kommen. Dann hab ich mich wieder auf den Weg gemacht. Wandern. Mir war klar: So hat das keinen Sinn. Finishen gestrichen.

Wenn Ihr nicht gewesen wärd. Zurufe noch und nöcher: „Du schaffst das!“, „Brings ins Ziel“, „Super Kampfgeist“. Anflehungen: „Sonja, bitte lauf. Bitte, ich lauf auch mit, ich warte auf Dich, ich steh nächste Runde noch hier. Du musst nochmals kommen“. Also bin ich losgetrabt. Ich sah Eva (Wutti) von hinten kommen, das war wohl bei mir KM 29, bei ihr 39,5. Ich feuerte sie an: „Eva, ich bin so stolz auf Dich dass Du es durchgezogen hast! Super! Weiter so, gleich hast Du es“. Was für ein riesen Schock, als ich sie dann sah – 200m vor dem Ziel. Ich konnte es nicht fassen. Wäre nicht Fredi (von Sailfish) und 3 Sanitäter bei ihr gewesen, wäre ich nicht weiter gelaufen. Wir haben heute mehrfach telefoniert und ich bin sooo erleichter, dass es ihr gut geht.

unbenannt-218-2Dann hab ich meine Freunde getroffen, sie standen noch da statt im Cafe zu sitzen. Lisa (unsere kleine Maus) war bei meinen Freunden und sagte: „Mami, bitte mach weiter, bitte lauf ins Ziel“. Also bin ich weiter getrabt. Dann treff ich Daniel, sein erstes Langdistanzrennen und Krämpfe in den Beinen. Ich hör wie seine Freundin sagt: „Ich warte im Ziel!“ und ich meinte dann: „Komm, lass uns gemeinsam das Ding zu Ende bringen“. Ich konnte wieder traben, nicht mehr gehen, zusammen mit Daniel in 5:30 Min/km. Von Versorgung zu Versorgung. Brezeln und Cola. Zurufe der Zuschauer. Freudige Worte, dass ich kämpfe und nicht aufgebe. Ein paar Dixi-Toilleten zwischendrin. Die letzte Brücke. Noch eine Versorgung. Brezeln, Cola. Der Zielkanal. Für mich so emotional wie ein Sieg. Die Zuschauer unglaublich. Trommeln, Klatschen, Zurufe. Wie ein Sieg. Ein Sieg der anderen Art. Danke Euch!

Und im Ziel steht mein liebster Tom und wartet. Und meine lieben Freunde. Mit Lisa. Ich hätte heulen können… Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass es ein Virus ist. Tom ist auch krank. Kann das sein? Ausgerechnet? Fast unglaublich. Aber mir bleibt nichts anderes übrig als das zu akzeptieren und nach vorne zu schauen. Und mich an der Schwimm- und Rad-Form zu erfreuen. Und an den treuen Zuschauern und Fans…